Die Sufganiyah: Eine moderne Tradition mit deutschen Wurzeln

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Wie Wirtschaft, Migration und Sprachpolitik Israels ikonischen Chanukka-Krapfen formten


Die Sufganiyah ist heute das bekannteste Chanukka-Gebäck in Israel. Während des Feiertags verkaufen Bäckereien Millionen davon, und ihre Präsenz erscheint fast selbstverständlich. Doch die Sufganiyah ist weder uralt noch ursprünglich aus dem Nahen Osten.

Ein deutscher Krapfen, kein jüdischer

Der Vorfahre der Sufganiyah ist der Berliner, ein deutscher Krapfen, der mindestens bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Es war ein Hefeteig-Gebäck, in Schweineschmalz frittiert und oft mit Marmelade gefüllt.

Jüdische Gemeinden in deutschsprachigen Gebieten übernahmen das Gebäck, tauschten aber das Fett gegen etwas Koscheres aus, wie Gänseschmalz oder später Pflanzenöl. Auf Jiddisch wurde der Krapfen als Ponchik bekannt, ein Name, der in Teilen Osteuropas und unter russischsprachigen Menschen noch heute verwendet wird.

Diese Art der Anpassung war in der jüdischen Küche üblich: Lokale Speisen wurden an die Kaschrut-Regeln angepasst, anstatt von Grund auf neu erfunden zu werden.

Vom Jiddischen zum Hebräischen: Die Geburt des Namens

Als jüdische Einwanderer Anfang des 20. Jahrhunderts ins britische Mandatsgebiet Palästina kamen, wurden jiddische Speisebezeichnungen zunehmend durch hebräische ersetzt.

Hebräische Schriftsteller und Sprachwissenschaftler durchsuchten klassische Quellen und fanden das talmudische Wort sofgan, das schwammigen oder saugfähigen Teig bezeichnet. Daraus prägten sie das moderne hebräische Wort Sufganiyah.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Gebäck einen neuen Namen und eine neue sprachliche Identität, war aber noch kein zentrales Chanukka-Symbol.

Warum die Sufganiyot gewannen – Wirtschaft, nicht Theologie

In den 1920er Jahren suchte die Histadrut, die wichtigste Gewerkschaft der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, nach Möglichkeiten, die Beschäftigung zu fördern, insbesondere in Bäckereien.

Traditionelle Chanukka-Speisen wie Latkes waren leicht zu Hause zuzubereiten und generierten nicht viel kommerzielle Aktivität. Sufganiyot hingegen erforderten Hefeteig, Frittieren und sorgfältige Zubereitung. Die meisten Menschen zogen es vor, sie zu kaufen, anstatt sie selbst zu machen.

Die Förderung von Sufganiyot half, die Bäckereien auszulasten und die Arbeiter zu beschäftigen. Mit der Zeit wurde das Gebäck fest mit Chanukka verbunden, während die ursprüngliche wirtschaftliche Motivation aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand.

Öl, Symbolik und nachträgliche Bedeutung

Erst später wurde die Sufganiyah stark mit dem religiösen Thema verbunden, dass Chanukka-Speisen in Öl gebraten werden, als Symbol für das Wunder des Tempelöls. Diese Symbolik passt gut, aber historisch gesehen folgte sie dem Aufstieg des Gebäcks zur Popularität, anstatt ihn zu verursachen.

Von einfacher Marmelade zu modernen Variationen

Ursprünglich waren Sufganiyot schlicht, mit Marmelade gefüllt und mit Puderzucker bestäubt. In den letzten Jahrzehnten haben israelische Bäckereien das Konzept erweitert und bieten Füllungen wie Schokolade, Pistaziencreme, Halva, Vanillecreme und andere Variationen an.

Trotz dieser Veränderungen bleibt die Grundstruktur ihrem deutschen Vorfahren sehr ähnlich.


Was sich wie uralte Tradition anfühlt, ist relativ junge Geschichte. Die Sufganiyah ist ein leckeres Beispiel dafür, wie Essenstraditionen nicht nur durch Religion, sondern auch durch Migration, Sprachpolitik und Wirtschaft geformt werden.


Dieser Artikel basiert auf einem X-Thread vom Dezember 2025 des israelischen Journalisten Elon Gilad, der viele faszinierende Geschichten über die hebräische Sprache und Kultur auf seinem X-Feed teilt.